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Mainz - Ob Jürgen Klopp, Thomas Tuchel oder Martin Schmidt – sie alle kamen aus dem eigenen Stall und prägten mit ihren Ideen den Weg des 1. FSV Mainz 05 hin zu einem gestandenen Bundesligisten. Nun folgt mit dem gebürtigen Mainzer Sandro Schwarz der Nächste in dieser Reihe.

Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Schwarz über seine Fußball-Philosophie, über den Transfer-Coup um den ehemaligen Nationaltorhüter René Adler und über die Trainer-Legende Wolfgang Frank.

bundesliga.de: Herr Schwarz, Ihr Vorstand Sport, Rouven Schröder, hat über Sie gesagt: "Ich erwarte von ihm, dass er einfach so bleibt, wie er ist". Wie also sind Sie?

Sandro Schwarz: Ich denke, dass ich sehr kommunikativ bin. Für mich ist es wichtig, dass ich eine Bindung herstelle zu meinen Spielern und zum gesamten Staff. Darüber hinaus lege ich großen Wert darauf, Inhalte und Analysen unserer Arbeit sehr detailliert zu vermitteln und die Dinge immer klar und deutlich anzusprechen.

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bundesliga.de: Sie möchten den Fans "Mainz 05-Fußball" bieten. Wie definieren Sie diesen Fußball?

Schwarz: Wir möchten sehr aktiv sein in der Arbeit gegen den Ball und wollen dabei einen hohen Rhythmus haben. Nach Ballgewinn, wenn wir die Kugel haben, wollen wir den Gegner ebenfalls mit hohem Tempo bespielen – wobei es mir sehr wichtig ist, der Mannschaft gerade auch gegen tiefstehende Gegner Lösungsmöglichkeiten an die Hand zu geben. Zusammengefasst: Alle Phasen, die ein Spiel ausmachen können, wollen wir sehr intensiv abdecken. 

"Mainz 05 hatte in der Vergangenheit sehr viele herausragende Trainer, und ich bin froh, dass ich diese Trainer erleben durfte und das Eine oder Andere für mich mitnehmen konnte." Sandro Schwarz

bundesliga.de: Sie sind Mainzer durch und durch. Das ist zum einen wohl ein Vorteil, leidet man aber andererseits intensiver, wenn es mal nicht laufen sollte?

Schwarz: Nein. Ich bin in Mainz geboren, und selbstverständlich ist es eine emotionale Geschichte, diesen Verein nun in der Bundesliga zu trainieren. Und natürlich möchten wir die Menschen in Mainz mit unserem Fußball begeistern. Ich glaube aber, dass jeder, der diesen Beruf ernsthaft ausübt, so tief in seine Arbeit und in die entsprechenden Inhalte einsteigt, dass es überhaupt keine Rolle mehr spielt, ob man nun in der jeweiligen Stadt geboren worden ist oder irgendwo anders. 

bundesliga.de: In einem Interview haben Sie gesagt, Sie seien überzeugt, "dass nicht die Grundordnung auf dem Platz, sondern die Verhaltensweise entscheidend ist". Wird überbewertet, ob man zunächst in einem 4-2-3-1 auf dem Platz steht oder doch eher mit einer Mittelfeldraute oder einer Dreierkette in der Abwehr?

Schwarz: Es macht einen erheblichen Unterschied, ob man nun mit Dreier- oder mit Viererkette spielt. Ob aber ein 4-2-3-1 oder ein 4-4-2 – da sehe ich, was die Verhaltensweisen und die Prinzipien auf dem Platz betrifft, durchaus einen fließenden Übergang. Die eine oder eben die andere Grundordnung mag vor dem Spiel auf dem Flipchart und auch noch beim Anpfiff auf dem Rasen vorgegeben sein, kann dann aber sehr schnell und fließend in die jeweils andere übergehen.

bundesliga.de: Darf man erwarten, dass jeder Spieler heute in der Lage ist, während eines Spiels und innerhalb kürzester Zeit zwischen verschiedenen Grundordnungen den Überblick zu wahren?

Schwarz: Ich denke, das hängt in erster Linie vom Trainer ab und davon, dass der in der Lage ist, die Dinge so zu vermitteln, dass jeder Spieler sie jederzeit und ohne allzu große Schwierigkeiten umsetzen kann. Der Trainer muss in der täglichen Trainingsarbeit auf dem Platz sowie gerade auch in der Analyse und bei den Besprechungen immer wieder in Vorleistung treten, damit es dem Spieler auf dem Platz in einer Drucksituation nicht mehr so schwer fällt, die Dinge – immer im Zusammenspiel mit den Kollegen – einen Tick anders zu gestalten, als das vielleicht zu Beginn der Partie noch der Fall war. Die Jungs müssen das Gefühl haben, dass sie jede Situation schon einmal durchlebt haben und immer wissen, wie sie sich zu verhalten haben. Natürlich setzt das große Handlungsschnelligkeit voraus. Nur dann kann der Spieler es so umsetzen, wie wir es gerne hätten. 

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bundesliga.de: Sie haben noch gemeinsam mit Jürgen Klopp, später auch unter dem Trainer Klopp gespielt. Findet sich davon etwas wieder in Ihrem Selbstverständnis als Trainer?

Schwarz: Natürlich nimmt man immer etwas mit. Dennoch geht es nicht darum, Dinge eins-zu-eins zu übernehmen, weil man es damals als Spieler unter "Kloppo" als sehr positiv empfunden hat. Mainz 05 hatte in der Vergangenheit sehr viele herausragende Trainer, und ich bin froh, dass ich diese Trainer erleben durfte und das Eine oder Andere für mich mitnehmen konnte.

Quiz: Teste Dein Wissen!

bundesliga.de: Einer dieser Trainer war der 2013 verstorbene Wolfgang Frank... 

Schwarz: Auf jeden Fall! 

bundesliga.de: ...einer der innovativsten seiner Zeit; welche Erinnerung haben Sie an ihn?

Schwarz: Wolfgang Frank spielt für mich noch immer eine sehr große Rolle. Er war der erste Trainer, den ich in meiner Profi-Karriere erleben durfte. Diese Zeit war großartig. Damals habe ich erstmals gespürt, wie intensiv sich die Arbeit eines Trainers anfühlen kann. Frank hat damals die Viererkette eingeführt und uns einen festen Glauben an seine Spielidee, aber auch an unsere eigenen Stärken vermittelt. Ich habe später noch zweimal unter im gearbeitet. Ein weiteres Mal bei Mainz 05 und schließlich bei Wehen Wiesbaden. Und es ist ganz sicher kein Zufall, dass viele, die Wolfgang Frank so intensiv erlebt haben wie ich, später selbst Trainer geworden sind.

bundesliga.de: Mit René Adler konnte Mainz 05 nun den wohl größten Transfer-Coup der Vereinsgeschichte landen. Welche Rolle spielt Adler für Sie neben seinem unbestrittenen Können als Torwart?

Schwarz: Eine sehr wichtige Rolle. Schon im ersten Gespräch, das wir mit ihm geführt haben, war zu spüren, dass René Feuer und Flamme ist für das, was wir in dieser Saison vorhaben. Er ist ein Top-Profi, der sich hundertprozentig mit unserer Sache identifiziert und ist nicht nur auf dem Rasen, sondern auch abseits des Platzes eine große Persönlichkeit, die immer vorangeht. 

bundesliga.de: Hilft es auch, dass sich ein großer Teil des Medien-Interesses auf Adler fokussiert, oder befürchten Sie, dass sich der Eine oder Andere nun zu wenig wertgeschätzt fühlen könnte?

Schwarz: Nein, diese Befürchtung habe ich nicht. René ist jemand, der schon sehr viel erreicht hat in seiner Karriere. Jeder ist froh, dass er unseren Weg nun mitgeht. Trotzdem möchte ich betonen, dass wir über drei sehr gute Torhüter verfügen.

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bundesliga.de: Mit Adler wurde ein wichtiger Leistungsträger gewonnen, mit Jhon Cordoba musste man einen anderen ziehen lassen. Setzen Sie nun darauf, dass Yoshinori Muto einmal über eine ganze Saison von größerem Verletzungspech verschont bleibt?

Schwarz: Es geht nicht darum, Jhon Cordoba eins zu eins zu ersetzen, Yoshi muss diesen Rucksack nicht allein tragen und ist auch ein ganz anderer Spieler- und Stürmertyp als Jhon. Wir werden unsere Spielweise, die in der vergangenen Saison sehr auf Jhon fixiert war, der neuen Situation anpassen. Mit Kenan Kodro haben wir zudem einen weiteren, sehr flexiblen Stürmer gewinnen können und sind so insgesamt sehr zufrieden mit dem Profil, das wir in der Offensive aufweisen können.

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"Wir fühlen uns nach fünf Wochen harter Vorbereitung nun gut gerüstet, um endlich loslegen zu können." Sandro Schwarz

bundesliga.de: Mit welcher Zielsetzung werden Sie in die Saison gehen?

Schwarz: Es geht uns nicht darum, einen bestimmten Tabellenplatz als Saisonziel auszugeben. Wir wissen, nicht zuletzt durch die Erfahrung der vergangenen Spielzeit, dass es erneut eine große Herausforderung wird, den Klassenerhalt zu schaffen. Jeder muss verstehen, dass Erstliga-Fußball für Mainz 05 niemals eine Selbstverständlichkeit sein darf. Und wir möchten, dass die Leute sehen, dass wir unter der Woche sehr gut gearbeitet haben und dass sie spüren "das ist Mainz 05-Fußball!". 

bundesliga.de: Zum Auftakt kommt mit Hannover 96 einer der beiden Aufsteiger in die OPEL ARENA. Deshalb einen zweitklassigen Gegner zu erwarten, das wäre aber wohl fahrlässig?

Schwarz: Völlig richtig! Damit haben Sie die Antwort eigentlich schon gegeben. Niemand bei uns hat sich gefreut, als der Spielplan veröffentlicht wurde und wir gesehen haben, dass wir gegen Hannover starten und am zweiten Spieltag nach Stuttgart müssen. Hannover 96 und der VfB Stuttgart – das sind gestandene Bundesliga-Teams, die wegen eines Betriebsunfalls kurzfristig mal ein Jahr in der 2. Bundesliga gespielt haben. Klassische Aufsteiger sind beide ganz sicher nicht. 

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bundesliga.de: Damit gibt es in dieser Saison auch keine Teams, die zu Beginn als potenzieller Absteiger gehandelt werden könnten...

Schwarz: Wenn man ehrlich ist, sollte man damit ohnehin immer vorsichtig sein. Denken Sie an Darmstadt 98, das vor zwei Jahren von den meisten als klarer Absteiger genannt wurde, es dann aber in der ersten Saison richtig gut gemacht und die Klasse gehalten hat. Nichtsdestotrotz stimmt es, dass die Bundesliga in dieser Saison sehr ausgeglichen wirkt. Viele Teams scheinen sich auf einem ähnlichen Level zu bewegen. Aber das spornt uns nur noch mehr an, und wir fühlen uns nach fünf Wochen harter Vorbereitung nun gut gerüstet, um endlich loslegen zu können. 

Das Gespräch führte Andreas Kötter